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Kultur ist kein Zufall

To-Dos für eine engagierte Kulturpolitik

Im April 2027 wird in NRW gewählt: In Zeiten wie diesen braucht das Land mehr denn je eine Regierung, die aktiv und beherzt stabile Bedingungen für eine freie und vielfältige Kunst- und Kulturszene schafft.

Deshalb gehören folgende Schritte auf die To-do-Liste der nächsten Landesregierung.

10 Aufgaben, 30 konkrete To-Dos: Hier stellen wir als Landesbüro alle Punkte vor – und lassen nach und nach Künstler*innen zu Wort kommen, warum diese Themen für ihre Arbeit wichtig sind.

In schwierigen Zeiten ist es besonders wichtig im Gespräch zu bleiben. Die Künstler*innen im Land brauchen Kulturpolitiker*innen mit Engagement und Zugewandtheit. Transparente Kommunikation auf Augenhöhe, klare Abstimmung zwischen Politik und Verwaltung und eine gemeinsame Zukunftsplanung mit den Akteur*innen schaffen Vertrauen; auch jenseits finanzieller Spielräume.   

To-Dos:

  • Im Kulturgesetzbuch vorgesehene Spartenkonferenzen einführen
  • Kulturförderbericht zeitnah, detailliert und übersichtlich veröffentlichen
  • Aufführungen besuchen & Zeit mitbringen, um mit Künstler*innen zu sprechen

Die Kultur in NRW braucht ein klares Bekenntnis gegen Extremismus und Menschenverachtung jeder Form – und muss sich diskussionslos auf dem Boden geltenden Rechts bewegen. Die sich verhärtenden gesellschaftlichen Debatten dürfen aber nicht dazu führen, dass die Kunst aus Angst ihre Finanzierungsgrundlagen zu verlieren leiser, vorsichtiger und thematisch enger wird. Diskurs und Information sind oft zielführender als harte Ge- und Verbote.

To-Dos:

  • Gemeinsam mit der Verwaltung klare & transparente Verfahren entwickeln
  • Weiterbildungen und Diskursräume zu gesellschaftlichen Konflikthemen initiieren
  • Fachjuries als unabhängiges Element demokratischer Kulturförderung erhalten

Die mehrstufige Förderpyramide bestehend aus Einzelprojektförderungen, Konzeptionsförderung und Spitzen- und Exzellenzförderung hat sich bewährt. Über dieses System können zumindest mittelfristige Sicherheiten für etablierte Künstler*innen gewährleistet werden – bei gleichzeitiger Durchlässigkeit für junge Talente oder Künstler*innen, die neu ins Bundesland ziehen.    

To-Dos:

  • Überjährige Förderprogramme sichern – Überjährigkeit schafft Stabilität
  • Die gekürzten fünf Plätze in der Spitzenförderung wieder herstellen
  • Finanzielle Ausstattung der Förderprogramme dynamisieren – Inflation!

Trotz kleiner erster guter Schritte klafft in der in Förderlandschaft für die Freien Darstellenden Künste immer noch eine Lücke im Bereich der Verbreitung von Theaterproduktionen über die Premiere hinaus. Ein Ausbau der bestehenden Programme und Touringnetzwerke ist sowohl aus Gründen der Nachhaltigkeit als auch der langfristigen Publikumsentwicklung und -bindung dringend angezeigt. 

To-Dos:

  • Das Förderprogramm „Raus ins Land“ verstetigen, damit die Fläche stärken.
  • Die Gastspielförderung ausweiten & eine Wiederaufnahmeförderung einführen
  • Rahmen und Anreize schaffen für nachhaltige und langfristige Tourkonzepte

Spielstätten und Produktionshäuser sind nicht nur eine wichtige infrastrukturelle Basis für Aufführungen, sie sind entscheidende Knotenpunkte für das Funktionieren der gesamten Szene. Sie bieten nicht nur dringend benötigte Proben- und Auf-führungsräume, sondern übernehmen auch wichtige Aufgaben in der Vermittlung, Qualifizierung und Publikumsansprache.

To-Dos:

  • Aufwuchs für fairere Bezahlung („Matrix“) für alle landesgeförderten Häuser
  • Langfristige, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze stärken
  • Förderprogramm „Mittelzentren“ auf kleine Häuser aller Sparten ausweiten

Festivals sind Orte der Verdichtung: Sie sind Innovationsmotoren ästhetischer Praxis, sind zentrale Produktions- und Präsentationsplattformen und wichtige Schnittstellen für fachlichen Diskurs ebenso die überregionale wie internationale Vernetzung. Künstlerische Residenzen und Stipendien schaffen Räume um ohne Produktionsdruck zu arbeiten und so Experimente und neue Strukturen zu erforschen und zu erproben.  

To-Dos:

  • Dauerhafte Strukturbedarfe von Festivals erkennen und finanzieren
  • Mehr Möglichkeiten für individuelle Künstler*innenstipendien schaffen   
  • Fördermöglichkeiten auch für kleinere Strukturen jenseits der Projektförderung

Es ist gut, dass das Land NRW sich die faire Bezahlung von Künstler*innen über das Kulturgesetzbuch zur verpflichtenden Aufgabe gemacht und eine Honorar-Matrix entwickelt hat. Diese enthält in der Praxis jedoch noch einige Maßgaben, die für die Arbeitsrealität der Freien Darstellenden Künste nicht umfänglich sinnvoll anwendbar ist und muss deshalb weiterentwickelt werden.

To-Dos:

  • Probenphasen mitbedenken und mitbezahlen
  • Auch Produktionsleitungen und andere nicht künstlerische Berufe schützen
  • Finanzvolumina der Fördertöpfe entsprechend anpassen

Diversität ist unverzichtbar für künstlerische Arbeit. Eine Kulturlandschaft, in der immer dieselben Perspektiven zu sehen sind, verliert ihre Relevanz. Zuschauer*innen suchen nach neuen Erfahrungen, innovativen Performances und inspirierender Kunst. Sie erwarten das Unerwartete von der Freien Szene – diese Öffnung braucht Unterstützung.

To-Dos:

  • Ergänzungsmittel für Barriereabbau auf alle Förderprogramme ausweiten
  • Förderung „Publikum.Personal.Programm“ für Freie Szene zugänglicher machen
  • Mittel für den internationalen Kulturaustausch sichern und erhöhen

Der einzigartige Studiengang Szenische Forschung in Bochum, die Folkwang Universität der Künste und viele andere Einrichtungen im Land bringen hochqualifizierten künstlerischen Nachwuchs hervor – jedoch gibt es keine Förderprogramme, die den Übergang von Studium in die Professionalität erleichtern und auch für  Nachwuchsnetzwerke existiert momentan keine Fördermöglichkeit.  

To-Dos:

  • Ein neues, unterstützendes Nachwuchsnetzwerk fördern
  • Austausch zwischen Ausbildungseinrichtungen & Szene stützen
  • Nachwuchsförderprogramm – unabhängig vom Lebensalter – etablieren

NRW hat sich in den vergangenen zwei Legislaturperioden auf Bundesebene für arbeits- und sozialpolitische Themen stark gemacht und sich im Bundesrat und in der Kultur-Länderkonferenz für strukturelle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für Künstler*innen stark gemacht. Dieses Engagement muss unbedingt fortgesetzt werden:

To-Dos:

  • Absicherung für erwerbsarme und erwerbslose Zeiten vorantreiben
  • Bei Debatte zur „neuen Selbstständigkeit“ Künstler*innen berücksichtigen
  • (Verbesserte) Zugänge zu Mutterschutz und Krankengeld schaffen

über die Freie Darstellende Szene In NRW

Unter dem Dach der Freien Darstellenden Künste versammeln sich unterschiedlichste Kunstformen: Schauspiel, Tanz, Performance, Zeitgenössischer Zirkus, Theater im Öffentlichen Raum, Figurentheater, Musik theater sowie diverse hybride Formen.

Die Freien Darstellenden Künste spielen ihre Produktionen für Jung & Alt, in der Stadt und in der Fläche. Ihre besonderen Stärken sind Experimentierfreude, Interdisziplinarität, Flexibilität und Aktualität. Die Akteur*innen sind lokal verankert und überregional vernetzt. Sie arbeiten oft mobil und bringen Kunst an neue oder abgelegene Orte.

Besondere Vielfalt der NRW-Szene

NRW verfügt über eine besonders reichhaltige und professionelle Freie Theater-, Tanz- und Performanceszene, die einen elementaren Beitrag zur Kulturversorgung im Bundesland leistet.

Mit ihren vielfältigen Angeboten schaffen die Akteur*innen in Zeiten zunehmender Instabilität unverzichtbare Räume gesellschaftlichen Austausches. Sie laden ein, die Vielfalt der Ästhetiken, Themen und Formen zu entdecken, Widersprüche auszuhalten und machen Lust auf eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Welt – trotz anhaltender Multikrisen.   

Es braucht Vertrauen und Stärkung

Die Freie Szene ist stark, lebendig und resilient – doch die vergangenen Jahre waren hart: Kürzungsszenarien, Preissteigerungen und ein rauer werdendes  gesellschaftliches Klima haben für Verunsicherung gesorgt und Spielräume eingeschränkt.

In der kommenden Legislatur muss für neues Vertrauen und strukturelle Stärkung gesorgt werden, damit die Szene ihren Beitrag zu einer offenen Gesellschaft  weiterhin flächendeckend leisten kann.

„Kultur ist kein Zufall“ ist eine Initiative vom NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste anlässlich der NRW-Landtagswahl 2027.